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Wer sich über P2P-Kredite in Deutschland informiert, hört meist früh denselben Rat: breit streuen. Viele Anleger übersetzen das in eine einfache Zahl. Sie investieren nicht in fünf, sondern in fünfzig oder hundert Kredite und halten das Portfolio anschließend für diversifiziert. Das kann funktionieren, muss es aber nicht. Hundert Darlehen desselben Anbahners, aus demselben Land und mit derselben Rückkaufzusage hängen oft an wenigen gemeinsamen Risiken.
Echte Diversifikation zählt deshalb nicht nur Kredite. Sie prüft, welche Ausfälle voneinander unabhängig sind.
Warum die Anzahl allein wenig aussagt
Ein Portfolio mit 200 Konsumentenkrediten wirkt auf den ersten Blick stabil. Wenn alle Forderungen jedoch von einem einzigen Kreditunternehmen vergeben wurden, entscheidet dessen Bonität über einen großen Teil des Ergebnisses. Gerät der Anbahner in Schwierigkeiten, können Rückkaufzusagen, Inkasso und Zahlungsweiterleitung gleichzeitig ausfallen.
Das Gegenbeispiel ist ein kleineres Portfolio mit Darlehen verschiedener Kreditarten, Regionen und Laufzeiten. Es enthält weniger Positionen, aber mehr unabhängige Zahlungsquellen. Der Unterschied lässt sich so zusammenfassen:
| Portfolio | Sichtbare Streuung | Tatsächliche Abhängigkeit |
|---|---|---|
| 100 Kredite eines Anbahners | hoch | sehr hoch |
| 100 Kredite aus einer Branche | hoch | hoch |
| 60 Kredite, 6 Anbahner, 4 Länder | mittel | deutlich geringer |
| 40 Kredite plus KMU- und Immobilienprojekte | mittel | abhängig von sauberer Gewichtung |
Die Tabelle ist kein Musterportfolio. Sie zeigt lediglich, warum eine Positionszahl ohne Kontext keine verlässliche Risikokennzahl ist.
Ebene 1: Kreditnehmer und einzelne Projekte
Die kleinste Diversifikationsebene ist der einzelne Schuldner. Bei Konsumentenkrediten lässt sich das Kapital häufig in sehr kleinen Beträgen verteilen. Bei Unternehmens- oder Immobilienfinanzierungen sind die Mindestbeträge oft höher; dadurch erhält jede Position automatisch mehr Gewicht.
Eine einfache Obergrenze hilft gegen unbemerkte Konzentration:
- Anteil eines Konsumentenkredits am P2P-Portfolio prüfen;
- Anteil eines einzelnen Unternehmens deutlich begrenzen;
- verbundene Unternehmen als eine Risikogruppe behandeln;
- mehrere Projekte desselben Immobilienentwicklers zusammenrechnen.
Gerade der letzte Punkt wird leicht übersehen. Vier Bauprojekte mit unterschiedlichen Namen sind nicht unabhängig, wenn derselbe Entwickler, dieselbe Finanzierungsgesellschaft oder derselbe Absatzmarkt dahintersteht.
Ebene 2: Kreditanbahner
Auf vielen Marktplätzen vergibt nicht die Plattform selbst den Kredit. Ein Anbahner prüft den Kunden, zahlt das Darlehen aus und verkauft anschließend Forderungen an Anleger. Damit wird seine Arbeitsweise zu einem eigenständigen Risiko.
Vor einer Investition sollte man deshalb fragen:
- Seit wann vergibt das Unternehmen Kredite?
- Veröffentlicht es aktuelle Jahresabschlüsse?
- Wie finanziert es sich neben dem P2P-Marktplatz?
- Behält es einen eigenen Anteil an den Krediten?
- Wer übernimmt das Inkasso bei einer Krise?
Eine Rückkaufgarantie macht diese Prüfung nicht überflüssig. Im Gegenteil: Sie verlagert das Risiko teilweise vom Kreditnehmer auf den Garantiegeber. Fällt ein einzelner Schuldner aus, kann die Zusage helfen. Fallen viele Kredite gleichzeitig aus, wird die Bilanz des Anbahners entscheidend.
Ebene 3: Plattformen
Mehrere Anbahner auf derselben Website reduzieren das Anbahnerrisiko, aber nicht automatisch das Plattformrisiko. Technische Störungen, fehlerhafte Zahlungszuordnung, Betrug, eine schwache Eigentümerstruktur oder eine Insolvenz des Betreibers können alle Positionen auf einem Marktplatz gleichzeitig betreffen.
Plattformdiversifikation bedeutet nicht, wahllos Konten zu eröffnen. Jedes zusätzliche Konto erhöht Verwaltungsaufwand, Steuerunterlagen und die Zahl der Geschäftsbedingungen, die beobachtet werden müssen. Sinnvoll ist eine zweite oder dritte Plattform erst dann, wenn das investierte Kapital groß genug ist und sich die Geschäftsmodelle tatsächlich unterscheiden.
Drei Plattformen mit denselben Anbahnern sind weniger diversifiziert als zwei Plattformen mit klar getrennten Kreditquellen.
Ebene 4: Länder, Recht und Währungen
Ein Landesrisiko besteht aus mehr als der Konjunktur. Dazu gehören Verbraucherrecht, Inkassopraxis, Gerichtsdauer, politische Entscheidungen und die Stabilität lokaler Finanzierungsquellen. Ein Portfolio aus fünf Ländern kann dennoch konzentriert sein, wenn alle Volkswirtschaften ähnlich auf denselben Schock reagieren.
Bei Fremdwährungen kommt ein weiterer Faktor hinzu. Ein Kredit kann vollständig zurückgezahlt werden und in Euro trotzdem einen Verlust erzeugen, wenn sich der Wechselkurs ungünstig bewegt. Anleger sollten daher getrennt erfassen:
- Land des Kreditnehmers;
- Sitz des Anbahners;
- Sitz und Aufsicht der Plattform;
- Vertragsrecht;
- Kredit- und Kontowährung.
Diese Angaben liegen nicht immer im selben Staat. Genau deshalb lohnt ein kurzer Blick in die Vertragsstruktur.
Ebene 5: Kreditarten und Sicherheiten
Konsumentenkredite, Rechnungsfinanzierungen, Unternehmenskredite und Immobilienprojekte reagieren unterschiedlich auf wirtschaftliche Veränderungen. Eine Mischung kann Schwankungen reduzieren, sie kann aber auch neue Risiken hinzufügen, die der Anleger nicht versteht.
| Kreditart | Typische Stärke | Typisches Risiko |
|---|---|---|
| Konsumentenkredit | viele kleine Positionen | Anbahner- und Ausfallrisiko |
| KMU-Kredit | nachvollziehbarer Geschäftszweck | Konzentration und Konjunktur |
| Rechnungsfinanzierung | kurze Laufzeit | Echtheit und Bonität der Rechnung |
| Immobilienkredit | mögliche Sachsicherheit | Bewertung, Rang und Verkaufsdauer |
| Energieprojekt | planbarer Projekt-Cashflow | Bau, Genehmigung und Abnehmer |
Eine Sicherheit sollte nie nur nach ihrem Namen bewertet werden. Bei Immobilien zählen Rang, Beleihung, Gutachter, Vollstreckbarkeit und voraussichtlicher Verkaufspreis. Eine nachrangige Sicherheit kann in einer Krise wirtschaftlich nahezu wertlos sein.
Ebene 6: Laufzeiten und Liquidität
Wenn alle Kredite im gleichen Quartal fällig werden, entsteht ein Wiederanlagerisiko. Vielleicht sind die verfügbaren Zinsen dann deutlich niedriger, vielleicht fehlt gerade dann die gewünschte Kreditqualität. Umgekehrt kann ein Portfolio mit ausschließlich langen Laufzeiten unflexibel werden.
Eine Laufzeitenleiter verteilt Rückzahlungen über die Zeit:
- kurzfristige Darlehen für laufende Rückflüsse;
- mittlere Laufzeiten als Kernbestand;
- lange Laufzeiten nur in einer bewusst begrenzten Quote;
- ausreichende Liquidität außerhalb des P2P-Portfolios.
Ein Sekundärmarkt ist keine sichere Liquiditätsreserve. Käufer können fehlen, Abschläge können steigen und der Handel kann eingeschränkt werden, wenn Anleger gleichzeitig verkaufen wollen.
Ebene 7: Rückzahlungstreiber
Die oft übersehene Ebene ist die wirtschaftliche Quelle der Rückzahlung. Zwei Kredite können verschiedenen Kategorien angehören und trotzdem am selben Ereignis hängen. Ein Konsumentenkredit und ein KMU-Darlehen in einer Tourismusregion leiden beispielsweise beide, wenn die Saison ausfällt.
Bei jeder größeren Position sollte deshalb in einem Satz notiert werden: Woher kommt das Geld für Zins und Tilgung? Mögliche Antworten sind Gehalt, Unternehmens-Cashflow, Verkauf einer Immobilie, Refinanzierung, Stromabnahmevertrag oder Zahlung eines Rechnungsschuldners. Wiederholt sich dieselbe Antwort zu oft, besteht ein Klumpenrisiko.
Wie groß sollte eine Position sein?
Es gibt keine universelle Prozentzahl. Die passende Größe hängt vom Gesamtvermögen, der Risikotoleranz und der Qualität der Daten ab. Eine praktische Vorgehensweise beginnt nicht mit der maximalen Rendite, sondern mit dem maximal verkraftbaren Verlust.
Beispiel: Ein Anleger hält 5.000 Euro in P2P-Krediten und möchte, dass der vollständige Ausfall einer Einzelposition höchstens 0,5 % dieses Teilportfolios kostet. Dann liegt die rechnerische Obergrenze bei 25 Euro. Bei einem Unternehmensprojekt mit 100 Euro Mindestanlage muss er entweder die Grenze anpassen, das Gesamtbudget erhöhen oder auf die Position verzichten.
Wichtig ist auch die Grenze oberhalb des einzelnen Kredits:
- maximaler Anteil je Anbahner;
- maximaler Anteil je Plattform;
- maximaler Anteil je Land;
- maximaler Anteil unbesicherter Kredite;
- maximaler Anteil illiquider Langläufer.
Solche Limits verhindern, dass Auto-Invest oder attraktive Aktionen das Portfolio unbemerkt verschieben.
Auto-Invest regelmäßig kontrollieren
Automatische Anlagestrategien sparen Zeit, sind aber kein Autopilot für das Risiko. Plattformen verändern verfügbare Kreditarten, Zinssätze, Anbahner und Filter. Ein ursprünglich ausgewogenes Profil kann nach Monaten ganz anders aussehen.
Ein monatlicher Kurzcheck reicht oft aus:
- Neue Positionen nach Anbahner und Land gruppieren.
- Verzögerte Kredite getrennt ausweisen.
- Garantien und Rückkaufstatus kontrollieren.
- Freie Mittel und auslaufende Kredite prüfen.
- Limits an das aktuelle Portfolio anpassen.
Bei deutlichen Veränderungen sollte die Automatik pausiert werden, bis klar ist, welche Kredite tatsächlich gekauft werden.
Warnsignale für Scheindiversifikation
Ein Portfolio wirkt breiter, als es ist, wenn mehrere der folgenden Punkte auftreten:
- viele Kredite, aber nur ein Anbahner;
- verschiedene Plattformen mit denselben Kreditunternehmen;
- mehrere Projekte desselben Entwicklers;
- Länderstreuung bei identischer Währung und Branche;
- Rückkaufzusagen desselben Garantiegebers;
- ausschließlich kurzfristige Hochzinskredite;
- Statistiken ohne Ausfälle, aber mit wachsenden Verlängerungen.
Wer diese Muster erkennt, sollte nicht sofort neue Positionen hinzufügen. Oft ist es wirksamer, Rückzahlungen abzuwarten und die schwächste Konzentration schrittweise abzubauen.
Risiken vor Rendite einordnen
Diversifikation verhindert keine Verluste. Sie soll verhindern, dass ein einzelnes Ereignis das gesamte P2P-Portfolio dominiert. Dafür müssen Anleger die Risiken beim Crowdlending auf jeder Ebene verstehen: Kreditnehmer, Anbahner, Plattform, Land, Währung, Kreditart und Laufzeit.
Am Ende ist ein gutes Portfolio nicht das mit den meisten Zeilen in der Übersicht. Es ist das Portfolio, dessen Abhängigkeiten der Anleger erklären kann. Wer weiß, warum Positionen unterschiedlich reagieren, streut tatsächlich. Wer nur hundertmal dasselbe Risiko kauft, hat vor allem eine längere Liste.
Quartalsweise Diversifikationsprüfung
Diversifikation ist kein einmaliger Zustand. Rückzahlungen, neue Kredite und Ausfälle verändern die Gewichte laufend. Ein kurzer Quartalscheck reicht meist aus, um schleichende Konzentrationen zu erkennen.
Exportieren Sie das Portfolio und gruppieren Sie es nach Plattform, Originator, Land, Kreditart, Währung und Fälligkeit. Vergleichen Sie die tatsächlichen Anteile mit Ihren Limits. Zählen Sie wirtschaftlich verbundene Anbieter zusammen, auch wenn sie unter verschiedenen Marken auftreten.
Prüfen Sie zusätzlich:
- welcher Anteil seit mehr als 30, 60 und 90 Tagen verspätet ist;
- wie viel Kapital im selben Quartal fällig wird;
- welche Garantien vom selben Unternehmen abhängen;
- ob uninvestiertes Guthaben ungewöhnlich steigt;
- ob neue Kredite die gewünschte Streuung tatsächlich verbessern.
Abweichungen müssen nicht sofort durch Verkäufe korrigiert werden. Häufig genügt es, Auto-Invest-Regeln anzupassen und Rückzahlungen gezielt in untergewichtete Bereiche zu lenken. Dokumentieren Sie Datum, Ursache und Entscheidung. So vermeiden Sie hektische Änderungen nach einzelnen Meldungen.
Ein sinnvoller Stresstest kombiniert mehrere Probleme: Ein grosser Originator fällt aus, der Zweitmarkt trocknet aus und eine Fremdwährung verliert zehn Prozent. Bleibt die Gesamtbelastung innerhalb Ihrer vorher festgelegten Verlustgrenze? Falls nicht, ist die Streuung trotz vieler Einzelkredite zu schwach.
Die wichtigste Kennzahl ist nicht die Zahl der Kredite, sondern der grösste gemeinsame Risikofaktor. Wer diesen regelmässig identifiziert, baut ein Portfolio, das nicht von einer einzigen Plattformgeschichte abhängt.

